Michael Klonovsky
Ihr Kandidat für den Bundestag

Während der französische Bildungsminister Jean-Michel Blanquer die Verwendung der „Gendersprache“ an Schulen und in seinem Ministerium verboten hat – Begründung: Pünktchenwörter behindern das Lesen –, wird im Nachbarland der Gleichschrittsliebhaber und Maulkorbfreunde gegendert, als hinge die Weltklimarettung davon ab. Zwar hat sich in Umfragen eine deutliche Mehrheit der Deutschen gegen die Genderei ausgesprochen, doch das interessiert besonders fortschrittliche Stadtverwaltungen so wenig wie Universitäten und natürlich die Öffentlich-Rechtlichen. Eine ZDF-Textvorleserin und Gendersprecherin der ersten Stunde, Petra Gerster mit Namen, hat auf Beschwerdebriefe mit der Bemerkung reagiert, das Publikum werde sich schon daran gewöhnen.

In der Tat, die braven Deutschen sind Meister*innen darin. Sie haben sich daran gewöhnt, bei jeder Gelegenheit den rechten Arm in die Luft zu reißen und „Heil Hitler!” zu rufen. Sie haben sich daran gewöhnt, Briefe mit dem „deutschen” oder dem „sozialistischem Gruß” zu unterschreiben. Sie haben sich an die Nachrichten vom Heldensterben an der Ostfront genauso gewöhnt wie an die bizarren Rituale der bundesrepublikanischen Entmännlichungsdressur. Sie haben sich an die Hässlichkeit ihrer Innenstädte gewöhnt, sie haben sich an die Zerstörung ihrer Landschaften durch Windräder gewöhnt, sie haben sich daran gewöhnt, für andere Länder oder für Migranten zu bezahlen, ohne je etwas zurückzufordern, sie haben sich an die höchsten Strompreise und die zweithöchsten Steuern Europas gewöhnt. Sie haben sich, wenn wir schon bei der Verhunzung ihrer Sprache sind, auch an das Stümper- und Stummeldeutsch der Kanzlerin gewöhnt. Sie haben sich daran  gewöhnt, mit ihren Zwangsabgaben den staatlichen Erziehungsfunk zu alimentieren, was insofern schade ist, als sich Frau Gerster, Frau Slomka, Herr Kleber, Herr Restle und Genoss_innen deshalb nicht an den freien Markt oder den Ganz zum Arbeitsamt gewöhnen müssen.

Allerdings haben sie solche Gewohnheiten in der Vergangenheit im Zuge politischer Wetterwechsel immer wieder vollständig abgelegt, um sich zur jeweils nächsten zu bekehren. Ich würde, siedelte ich steuergemästet auf dem Mainzer Märchenberg, nicht auf die Konstanz der gerade aktuellen Gewohnheiten derer daheim an den Bildschirmen wetten. Übrigens: Wann kommt endlich jemand auf die Idee, den Koran in geschlechtergerechter Sprache zu veröffentlichen? Viel Glück!

Die Genderei ist vor allem eines: hässlich. Schönheit, Sinn und Lesefluss werden zerstört. Unter dem Vorwand, zu differenzieren, primitiviert Gendern die Sprache. Das beginnt schon beim optischen Eindruck. Eine gegenderte Seite sieht aus, als habe ein an Durchfall leidender Wellensittich wild flatternd seine Ausscheidungen über sie verteilt. Eine Moderatorin, die Unterstriche oder Sternchen „mitspricht“, wirkt nicht besonders fortschrittlich, sondern bloß dressiert. Diese Sonderzeichen sind Herr(!)schaftssymbole, mit ihnen markieren feministische Volkserzieher ihr Revier. Es ist eine optische Landnahme. Dass andere gezwungen werden sollen, sich diesem Ritus zu unterwerfen, sagt alles.

Der Vorstand der Stiftung deutsche Sprache hat sich vor kurzem dezidiert dazu geäußert.

Das einzige, aber desto penetranter vorgetragene Argument der feministischen „Sprachkritiker“ lautet bekanntlich, Frauen würden durch das sogenannte generische Maskulinum „unsichtbar gemacht“ und folglich benachteiligt. Es ist aber gerade das Hauptmerkmal dieses generischen Maskulinums, dass es sich auf ganze Gruppen ohne jede geschlechtliche Unterscheidung bezieht: Lehrer, Sportler, Zuschauer, Hetzer. Die geschlechtliche Neutralität ergibt sich aus der Wortbildung. Im Deutschen kann an jeden Verbstamm die Nachsilbe ‑er angehängt werden, und schon hat man ein Substantiv, das eine Gruppe bezeichnet: Bohrer, Stahlträger, Schraubenzieher, Flaschenöffner. Die Geschlechtsneutralität solcher nichtbelebten Gegenstände hat noch niemand bezweifelt. (Kommt aber wahrscheinlich noch: Schraubenzieherin, Zapfhenne.) Wäre -er eine männliche Nachsilbe wie das weibliche -in, müsste man beide einfach austauschen können, um aus dem männlichen Bohrer die weibliche Bohrin zu schaffen. Offenkundig funktioniert das nicht.

Grammatisches und biologisches Geschlecht haben nur bedingt – und auf den gesamten Wortschatz gerechnet recht wenig – miteinander zu tun. Deshalb ist auch die Formulierung falsch, Frauen seien im generischen Maskulinum „mitgemeint“. Wie der Sprachwissenschaftler Peter Eisenberg festhält, bezieht sich der(!)jenige, der das generische Maskulinum verwendet, auf überhaupt kein natürliches Geschlecht. Das ist eine Grundtatsache der deutschen Sprache, die niemand geschaffen hat, sondern die als ein Resultat der kulturellen Evolution entstanden ist. Feministische „Sprachkritiker“ behaupten nun einfach, grammatikalische Maskulina seien „männliche Worte“ und das generische Maskulinum so etwas wie sprachlich geronnenes Patriarchiat. Diese Hütchenspielerinnen wollen dem Publikum weismachen, ein grammatikalischer Mechanismus sei eine „strukturelle“ Diskriminierung der Frauen. Wenn die gesamte Gesellschaft, wenn jede Brücke, jeder Turm, jede Formel, jede Wissenschaft, jedes Sportgerät, jedes Werkzeug, jede Institution, jedes Jobprofil, jede Sexualpraktik, ja sogar das Klima Frauen diskrimiert, dann kann das in der Sprache ja unmöglich nicht der Fall sein. Aber nicht die Grammatik, der Feminismus hat das Maskulinum sexualisiert.

Auf diese Weise ist auch die geschlechtsneutrale Gruppenbezeichnung „Bürger“, mit der alle gemeint waren, in die Bezeichnung nur der männlichen Bürger umgefälscht worden, und jeder Redner begrüßt die Frauen im Publikum praktisch zweimal, wenn er die lieben Bürgerinnen und lieben Bürger anspricht. Wer behauptet, es gebe keinen fundamentalen Unterschied zwischen den Aussagen: „Ich gehe heute Abend zum Italiener“ und „Ich gehe heute Abend zur Italienerin“, der will Ihnen aber eine Bärin aufbinden.

Im Juni 1954 antwortete Thomas Mann auf eine Umfrage der Zürcher Weltwoche zu den sogenannten „Stuttgarter Empfehlungen für eine Vereinfachung der deutschen ortografi“. Er stelle sich, schrieb der Literaturnobelpreisträger, „auf die Seite der Opponenten gegen diese geplante Verarmung, Verhässlichung und Verundeutlichung des deutschen Schriftbildes“. Ihn stoße „die Brutalität ab, die darin liegt, über die etymologische Geschichte der Worte rücksichtslos hinwegzugehen.” Brutalität ist die treffende Bezeichnung. Es ist die Brutalität von ideologisierten Gesellschaftsumstürzern, die das kulturell Gewachsene nur als Ballast und als ein Hindernis für ihr eigenes Vorankommen betrachten. Was Mann zum Gendern sagen würden, liegt auf der Hand.

Ein anderes Stilmittel der Genderistas ist das substantivierte Partizip I. Die Preistragenden bedankten sich bei den Gutachtenden. Abends im Lokal traf ich einen meiner Dozierenden. Die Richtenden verhängten ein mildes Urteil über den Raubenden. Die Briefwählenden gaben zuletzt den Ausschlag. Die Straftuenden-Statistik wäre armselig ohne die Geflüchteten. Im Gefängnis saß ein Vergewaltigender in einer Zelle mit einem Gliedvorzeigenden. „Sind Sie Rauchender?“, fragte ein Verbindungsstudierender – das ist übrigens weder jemand, der die Verbindung Berlin-Chemnitz studiert, noch ein Eheberatender. Wer ist Ihr Lieblingsschauspielender?

Auch in dieser Frage ist das Urteil längst gefällt. Alle diese Formen sind semantisch unsinnig, wenn sie nicht eine Tätigkeit meinen, die genau jetzt, in diesem Augenblick, ausgeübt wird. Ein Blogger hat dazu das ultimative Gleichnis geliefert: Ein sterbender Studierender stirbt beim Studieren; ein sterbender Student kann auch im Schlaf oder beim Wandern sterben.

Wenn offenkundiger Unsinn Anhänger und Verfechter findet, bis ins Staatsfernsehen, bis in die Universitäten, Schulen, Stiftungen und NGOs, wenn etwas Widersinniges, Hässliches, Unhandliches und im Kern Destruktives mit hohem moralischem Druck in die Öffentlichkeit gepresst wird, dann geht es nicht um die Sache selbst, dann ist sie nur Mittel zum Zweck. Deswegen perlt jede Kritik, jede Satire, jeder Spott an diesen Sprachklempnern ab. Deswegen interessieren auch die Einwände von Sprachwissenschaftlern nicht. Es geht nicht um Argumente. Es geht nicht einmal um Sprache. Es geht um Macht.

 

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