Michael Klonovsky
Ihr Kandidat für den Bundestag

Gestern Straßenwahlkampf in der Chemnitzer Innenstadt. Ein Gast aus Bayern wundert sich, dass weder Polizei noch Antifa zu sehen sind. Wer auf die rituellen Abscheubekundungen wartet, muss sich lange gedulden. Es gibt derer insgesamt zwei, in beiden Fällen handelt es sich biodeutsche Jünglinge; der eine zeigt vorbeiradelnd den Rosenölfinger, der andere schreit beim Vorübereilen: Verpisst euch, ihr Scheiß-Jud… – nein, quatsch, er hat bestimmt Nazis gerufen. Es war nicht ganz klar zu verstehen, denn er trug eine FFP2-Maske, auf einem öffentlichen Platz, und sein mittelfingerreckender Milchbruder hatte sich den Dressurnachweis sogar fürs Radfahren über Mund und Nase gezogen. Ich vermute schon länger, dass die Dinger eine Sauerstoffunterzufuhr des Gehirns bewirken. Es könnte aber auch sein, dass die beiden Aufrechten sich nur gewohnheitshalber vermummt haben, um unerkannt zu bleiben und auf dem Heimweg nicht einer der üblichen Chemnitzer Hetzjagden zum Opfer zu fallen.

Die lustigste Frage stellt eine Passantin: „Sie kommen doch gar nicht aus Chemnitz. Warum wollen Sie dann hier Bürgermeister werden?”

Für den Höhepunkt der Veranstaltung sorgte ein Entrepeneur aus dem Kreise der oft Goldstücke genannten im weitesten Sinne Geflüchteten. In diesem Fall flüchtete der juvenile Heißsporn indes nicht selber, sondern ein anderer, ein paar Jahre älterer Bürger mit Migrationshintergrund vor ihm, und zwar ausgerechnet an den AfD-Stand. (Eine gute Idee für die „Versteckte Kamera” übrigens.) Worum es bei der Hatz ging, blieb unklar, der Diebstahl des Händis des Jüngeren durch den Älteren stand in Rede, außerdem habe Letzterer, dessen Nationalität mir verborgen blieb, Pfefferspray gegen seinen Verfolger eingesetzt. Jener wiederum sprach bzw. schrie und fluchte arabisch, fiel aber, da er vor überwiegend indigenem Publikum agierte, immer wieder versöhnlich ins Deutsche. Er forderte, wir mögen die Polizei rufen. („Ihr seid irgendwas mit Politik, wie?”) Da der Bursche immer aggressiver wurde und augenscheinlich unter Drogen stand – von den körpereigenen abgesehen –, war das keine schlechte Idee. Also ward die Staatsgewalt über Notruf einbestellt.

„Doch seht, die brave Polizei/Eilt wie gewöhnlich schnell herbei!“, reimt Wilhelm Busch. Eine andere Version lautet: Was haben eine Nymphomanin und die Polizei gemeinsam? Nie sind sie da, wenn man sie braucht. Nach einer halben Stunde immerhin trafen die braven Beamten ein, dafür gleich mit vier Einsatzfahrzeugen, man kann ja nicht wissen. Das heißt, dem womöglich bestohlenen und ohnehin schon hinreichend illuminierten Heißblut wahrscheinlich tunesischer oder libanesischer Herkunft blieb ausreichend Zeit, um eine jener emotionalen Schauspieleinlagen abzuliefern, die diesem Menschenschlag hierzulande so viele Sympathien und Willkommensbekundungen eingetragen haben: Der Bub schrie herum, gestikulierte, drang immer wieder auf den Älteren ein (vor den sich inzwischen schützend zwei kräftigere Herren vom Wahlstand gestellt hatten), um ihm zu versichern, er werde seine Mutter und alsdann sämtliche weiblichen Angehörigen seiner Familie ficken, erweiterte sodann den Kreis der von ihm zu Fickenden auf andere Umstehende und deren teilweise gar nicht anwesenden weiblichen Familienmitglieder, verdeutlichte seine Ansage durch ostentative Griffe an sein voraussichtliches Tatwerkzeug, und versicherte, dass er vor niemandem Angst habe, weil ausschließlich Allah über ihn richten werde (wahrscheinlich ohne auf den Gedanken zu kommen, dass ein ergrimmter Allah ihm am Jüngsten Tag wegen schlechten Benehmens seine Missbilligung aussprechen könnte).

Währenddessen geschah, was oft in solchen Situationen oft zu geschehen pflegt und auch den beiden Herren, die den an den Stand Geflüchteten abschirmten, die Fäuste band: Es tauchten immer mehr derjenigen auf, die noch nicht länger hier leben, also deren Wiegen nicht zwischen, sagen wir, Seine und Wolga standen, um sich das Spektakel anzusehen und gegebenenfalls Partei zu ergreifen.

Bis die Polizei erschien.

Jemand sagte später: Man muss sich überlegen, was noch vor zehn Jahren unvorstellbar war, um sich ausmalen zu können, wie dieses Land in zehn Jahren aussehen wird.

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