Michael Klonovsky
Ihr Kandidat für den Bundestag
„Dank Corona hab ich gelernt zu schweigen“, sagt eine Schauspielerin in ihrem Video für die Aktion „Alles dicht machen!“ Das waren prophetische Worte. Inzwischen überlegen sich viele der anfangs über 50 Protestler, ob sie nicht besser hätten schweigen sollen, denn sie spielen mit ihrer beruflichen Existenz. Der nordrhein-westfälische WDR-Rundfunkrat Garrelt Duin forderte Konsequenzen – also praktisch Berufsverbote – für die beteiligten Mimen. Dass er einstweilen zurückruderte, ist unerheblich, die Stigmatisierungskampagne ist im Gange, und der Mann hat sich als autoritärer Charakter entlarvt.
Nach über zehn Millionen Videoaufrufen innerhalb von 48 Stunden haben die Löschkommandos von YouTube den Kanal „allesdichtmachen“ aus den Suchergebnissen der Plattform entfernt. Stattdessen erschienen dort zwar diverse Berichte über die Aktion, auch solche mit sehr geringen Abrufzahlen, aber nicht mehr das Original. Der bekannte Anwalt Joachim Steinhöfel kündigte an, gegen die Löschung vorzugehen, inzwischen sind die Videos wieder online. Man wird sehen, wie lange. Das Wichtigste bei solchen Zensurpraktiken ist die Willkür, die Unberechenbarkeit.
Mich erinnert das alles an die Protestaktion von DDR-Künstlern gegen die Ausbürgerung von Wolf Biermann im November 1976. Viele der prominenten Unterzeichner wurden damals so unter Druck gesetzt, dass sie ihre Unterschriften zurücknahmen (Manfred Krug und Armin Müller-Stahl zogen es vor, das Land zu verlassen), und dann standen die Kleinen, die weniger Bekannten und No-Names, plötzlich allein im Regen und konnten gnadenlos abgestraft werden. Es sind ja schon mehrere der Schauspieler abgesprungen, haben sich entschuldigt, gekrümmt und im Staub gewälzt, in der Hoffnung, vielleicht doch von den mittelfristigen Konsequenzen verschont zu bleiben. Was für ein würdeloses Theater. Es ist übrigens kein Zufall, dass derjenige, der sich als Hauptperson der Protestaktion herauskristallisiert und bislang keine Anstalten macht, zu Kreuze zu kriechen, aus der DDR stammt. Im Westen war nämlich alles besser – sogar die Charakterwäsche.
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